Archiv | Juni, 2010

Theater abwracken?

29 Jun

Man könnte es mal wieder als sommerliche Provinzposse abtun, wenn es nicht so traurig und beschämend wäre. Die drei Gesellschafter Greifswald, Stralsund und Putbus schicken* den Intendanten und den kaufmännischen Geschäftsführer ihres (und unseres!) Theaters in die Wüste, und inthronisieren die alternierenden Vorsitzenden genau jenes Aufsichtsrates, der offensichtlich mit der Aufsicht des Theaters überfordert ist und überdies einen fehlerhaft gestrickten Gesellschaftsvertrag zu verantworten hat, der die von Greifswald nicht gewollte Verlängerung eben jenes nun gefeuerten Intendanten ermöglichte. Das ist so, als liquidierte eine Reederei Kapitän und Steuermann ihres teuersten und in Seenot geratenen Schiffes und schickte zwei ihrer Aufsichtsratsmitglieder an Bord, das Schiff zu retten. Aber, um im Bilde zu bleiben, soll das Schiff vielleicht gar nicht gerettet, sondern abgewrackt werden – liegt darin vielleicht eine wohlüberlegte List? Und in der Tat, die Zeichen stehen fürs Theater auf Sturm. Das Land will die Theaterlandschaft substanziell halbieren. Abwracken also! Das wissen die Gesellschafter nun seit über zwei Jahren! Wie war und ist nun die um ihre Kreisfreiheit so bangende Greifswalder Stadtverwaltung für diese Situation aufgestellt? Sie „bittet“ die Bürgerschaft in einer Beschlussvorlage für den 5. Juli, sie zu beauftragen, „… zur Sicherung und Weiterentwicklung zukunftsfähiger Theater- und Orchesterstrukturen notwendige Strukturmaßnahmen zu entwickeln, und der Bürgerschaft zur Entscheidung vorzulegen.“ Ich halte das für einen kulturpolitischen Offenbarungseid! Kann die Verwaltung nichts tun, ohne beauftragt zu werden? Seit zwei Jahren nichts außer Missmanagement ärgerlicher Theaterquerelen? Und natürlich muss es nun schnell gehen. Die Bürgerschaft soll einen Freifahrtsschein ausstellen für Spartenschließungen oder –verkleinerungen, Fusionen und letztlich künstlerischen Personalabbau. Und da man selbst nichts zu bieten hat, sollen die gewitzten Vorschläge aus Anklam und Neubrandenburg in die „Überlegungen“ einbezogen werden dürfen, die  das Blaue vom Himmel versprechen und ihre wohlverstandenen eigenen Interessen geschickt ins Spiel zu bringen wissen.

Wieder, wie vor zwei Jahren, als im Schatten der Fußball-EM der Verkauf der WVG auf der Agenda stand, wird von der Stadt selbsterzeugter Zeitdruck ausgeübt, um der Bürgerschaft und den Bürgerinnen und Bürgern unserer Hansestadt zu vermitteln, dass es zu den Plänen, die diesmal noch keiner kennt, keine Alternative gibt. Morgen darf sich jeder dazu äußern! 19.00 Uhr im Theater!

*Die Entlassungen an sich sollen hier nicht bewertet werden.

Gauck zum III. oder „das kleinere Übel“?

28 Jun

Kommentar zu

http://blog.gruene-greifswald.de/2010/06/27/freiheit/#comment-15137

vom 28. Juni 2010 um 13:46

Es geht nicht um Gauck, es geht nicht um Wulff. Um ein kleineres oder größeres Übel? Die Medien haben es allerdings geschafft, dass alle Welt dies nun so sieht. Dass die Medien dies konnten/durften, halte ich jedoch nicht für einen Beweis ihrer Unabhängigkeit. Die Frage sollte auch hier gestellt werden: Cui bono, wem nützt es? Beide Kandidaten sind konservativ, neoliberal geprägt. Das kann es also nicht sein. Gauck ist vielleicht weniger bewusst politisch, was kein Nachteil ist, taugt er doch um so besser zum unbefangenen Freiheitsmärchen-Erzähler. Aber auch das ist es kaum. Entscheidend: die “Strippenzieher” aus Wirtschaft- und Finanzwelt scheinen ihr Urteil über Merkel gefällt zu haben: Sie hat das Schwarz-Gelbe-Projekt verkackt(und zwar vorsätzlich)! Man wird nun sehen, ob es ihnen gelingt, genügend Abweichler in den eigenen Reihen zu gewinnen, um die Kanzlerin weiter zu schwächen. Das könnte mit anschließendem Misstrauensvotum o. ä. zum Sturz der Kanzlerin führen und Wulff die Kanzlerschaft bescheren. Er würde sie nicht ablehnen! Die “Retter” des Schwarz-Gelben-Projekts haben es eilig, denn noch müssten SPD und Grüne dieses Spiel, ob sie es nun wollten oder nicht, mitspielen, da es für eine wirkliche Alternative – das schon in der Luft liegende linke Projekt (Rot-Rot-Grün)- fatalerweise auf allen infrage kommenden Seiten noch keine wirkliche Bereitschaft gibt.

Joachim Gauck: „Bin ICH das?“

24 Jun

Rede im Deutschen Theater

http://www.joachim-gauck.de/Aktuelles/Reden/details/100622_grundsatzrede_dt.html

Ein Beitrag zur Diskussion um den Bewerber für das Präsidentenamt.

Es lohnt sich, sich einmal die Zeit zu nehmen und die umjubelte Rede des Kandidaten Gauck, die er im Deutschen Theater hielt, zu lesen. Grundsatzrede? Erst bescheiden von Gauck selbst dementiert, dann doch als solche auf seiner Homepage abgespeichert.

„Wenn ich mich Ihnen vorstelle, möchte ich meine Leitgedanken, meine politischen Schwerpunkte und Ziele nicht in Thesen fassen. Vielmehr möchte ich von Erfahrungen sprechen, die mich geprägt haben und den aus mir gemacht haben, der heute vor Ihnen steht. Es sind Erfahrungen, die die Leidenschaft für Freiheit, Demokratie und Recht in meinem Leben verankert haben.“

Gauck möchte das tun, was er kann – von sich sprechen:

„Über der ersten Begegnung mit dem Leben könnte ein Titel von Thomas Mann stehen: „Unruhe und frühes Leid“. Gauck ist Bildungsbürger und liebt das Pathos:

„Es war kein Zufall, dass ich mit zwölf Jahren dem Freiheitspathos von Friedrich Schiller verfiel, mit dreizehn Jahren wie ein Fiebernder am Radiogerät die Ereignisse des 17. Juni verfolgte und mit sechzehn am liebsten bei der Revolution in Ungarn mitgekämpft hätte.“

Wer Gauck gut zuhört, hört, dass er nicht nur sein Publikum davon überzeugen will, dass sie den Richtigen zum Kandidaten gekürt haben – er macht sich auch selbst Mut, Mut zur „Ermächtigung“ wie einst 1989, als er fragte: „Bin ICH das?“

Bedenklich werden Gaucks Schilderungen seiner biografischen Befindlichkeiten, wenn er schon bald das „Ich“ verlässt und sukzessive ein kollektives „Wir“ bemüht. Er vergisst, klar zu differenzieren zwischen seiner frühen Wir-Erfahrung:  „Immer wieder waren es Christen und Kirchenvertreter wie mein mecklenburgischer Landesbischof Heinrich Rathke, die mir Wegweisung und Mut gaben. Sie ließen mich glauben, dass die Wahrheit – ethisch wie politisch – nicht bei der Mehrheit sein muss. Wir erlernten damals die Minderheitenexistenz. Und indem wir sie annahmen, annehmen mussten, verloren wir zwar allerhand – aber nicht uns selbst.“ – also zwischen einem Minderheiten-WIR und einem anmaßend vereinnahmenden „Wir-sind-das-Volk“-WIR: „Damals setzten wir unsere Befreiung durch. Diese Erfahrung kann der Osten des Landes in die gemeinsame deutsche Geschichte einbringen und den Bewohnern im Westen unseres Landes schenken: Auch Deutsche können Revolution.“

Bedenklich auch, wenn Gauck sich in Volks-Psychologie versucht.  „Mehr noch als die Bewohner in Deutschlands Westen begleitet die Bewohner des Ostens deshalb eine Angst vor der Freiheit, die den schmerzlichen Prozess der Aufklärung und Säkularisierung auf dem Weg in die Moderne immer begleitet hat. Wir haben durch die Freiheit viel gewonnen, aber wir haben auch Bindungen, die äußere festgezurrte Ordnung und Sicherheit verloren. Für ihre Lebensplanung sind die Menschen nun selbst zuständig – aber zu dieser Eigenverantwortung sind einige nicht mehr, und andere noch nicht fähig. […] „Furcht vor der Freiheit“ hat Erich Fromm dieses Phänomen genannt. […] Sind wir wirklich hinreichend ausgestattet, so fragen sich die aus dem Paradies Vertriebenen. Sie sehnen sich nach der fraglosen Ordnung, die sie verließen, als sie aus freien Stücken den Apfel im Garten Eden nahmen und danach unversehens im Gefilde der Arbeit und der Sorgen landeten.“

Da geht denn doch der Pastor mit ihm durch und die Vergleiche hinken beträchtlich. Wurde das, was Gauck zynisch als „Furcht vor der Freiheit“ identifiziert, nicht erst post festum gerade durch Nicht-Aufklärung über die zu erwartende „Freiheit“ ausgelöst? Und muss der Paradiesvergleich nicht Jeden beleidigen, der Arbeit und Sorgen gehabt hatte? Und schließlich, verwechselt Gauck nicht die „Gefilde der Arbeit“, mit den nun allerdings ungewohnten Gefilden der Arbeitslosigkeit?

Die kommentierten Zitate können nur der Einstieg in eine Diskussion der Gauckschen „Grundsatzrede“ sein. Die Rede liefert dazu weiteres reichhaltiges Material.

Mein vorläufiges Angebot zu einem Resümee:

Gauck unterliegt der Selbsttäuschung, er könne als ein sich in der bürgerlichen Mitte verortender konservativer „Freiheitskämpfer“ ideologiefrei Bundespräsident aller Deutschen in Ost und West sein. Viele teilen diese Illusion. Die veröffentlichte Meinung hätschelt und die Politik nutzt sie.

Ach Gauck!

17 Jun

Zu „Gauck for President!? http://blog.gruene-greifswald.de/2010/06/15/gauck-for-president/

Ach Gauck!

Nein! Ich muss meine Parteiführung enttäuschen. Ich kann ihre Begeisterung für den Mann nicht teilen. Ich vermute, dahinter verbirgt sich eher die Begeisterung für die eigene Taktik, mit einem genialen Coup der hassgeliebten Kanzlerin (mit der man so gerne wieder regiert hätte) ordentlich eins auszuwischen. Ich vermute ferner, das Spielchen endet für SPD und Grüne eher ernüchternd. Wie viel Gauck kann sozialdemokratische Identität – ein ohnehin äußerst dehnbarer Begriff – denn noch unbeschadet verkraften? Gewiss, Gauck ist ein achtbarer Mann, und als ich ihn auf der Pressekonferenz agieren sah, war ich positiv überrascht und meinte, den kann ich mir, wie er so spricht, als Präsidenten ganz gut vorstellen – mal eben ganz unpolitisch gedacht!

Aber politisch ist das doch eine Katastrophe! Sollte eine Sozialdemokratische Partei – die lieben Grünen müssen das mit sich selbst abmachen – einen Kandidaten präsentieren, der mit Sozialdemokratie rein gar nichts am Hut hat? Ihr würde doch nicht im Traum einfallen, ihn zu nominieren, wäre sie Regierungspartei! Wie muss es um unser eigenes Personal stehen, dass wir die Hoffnung auf einen setzen, auf den, hätte ihn Merkel in Verhandlungen angeboten, sich Sozialdemokraten mit dem Regierungslager nie hätten einigen dürfen. Gesetzt, Gauck würde gewählt, und, wie die Medien suggerieren, Frau Merkel würde dies politisch nicht überleben, ja was dann? Taktik ist zu wenig, und für Hoffnungen, dass nach dem beabsichtigen Knalleffekt für Rot und Grün (und Deutschland überhaupt) irgend etwas besser werde, sehe ich derzeit keinen Anlass.

Also, Gauck for President? Er wäre wohl ein guter Präsident – aber für eine Republik, die ich mir nicht wünschen will.

Theater…

11 Jun

aus aktuellem Anlass

Bürgerschaft am 29. September 2008

„Zur Perspektive des Theaters Vorpommern“

(Tagesordnungspunkt 5.6)

Herr Präsident, meine sehr geehrten Damen und Herren,
die Greifswalder Bürgerschaft steht ein weiteres Mal geschlossen hinter ihrem Theater und bekennt sich, jetzt gemeinsam mit Stralsund, zum Erhalt der Strukturen, wie sie sich in den letzen Jahren unter nicht geringen Anstrengungen entwickelt haben. Und so lehnt auch die SPD‐Fraktion die Zumutungen des „Diskussions‐ und Eckpunktepapiers“ der Schweriner Landesregierung ab, das zu Recht in der öffentlichen Diskussion hohe Wellen geschlagen hat.
Schaut man etwas genauer … in dieses wie es näher heißt „Eckpunktepapier zur Weiterentwicklung der Theater‐ und Orchesterstrukturen…“, dann merkt man bald, dass schon der Titel zynisch ist, denn es müsste ehrlicherweise ABWICKLUNG statt Entwicklung heißen! Weiterlesen