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Theater Vorpommern und die Wünsche des Oberbürgermeisters

3 Sept

Offener Brief an die Mitglieder der Greifswalder Bürgerschaft und des Aufsichtsrates der Theater Vorpommern GmbH

Sehr geehrte Damen und Herren,

in dem heute veröffentlichten Bericht über ein OZ-Gespräch mit unserem Oberbürgermeister gibt dieser zu verstehen, dass er „die Verträge der beiden Interimsgeschäftsführer der Theater Vorpommern GmbH verlängern“ will. Es ist davon auszugehen, dass er diese Aussage in Absprache mit dem Stralsunder Oberbürgermeister getroffen und sich mit dem Kultursenator beraten hat. Auf den ersten Blick mag es so erscheinen, als wäre dies ein positives Signal für die Zukunft unseres Theaters. Der Bericht provoziert allerdings mehr Fragen, als er belastbare Antworten gibt. Es war von Anfang an offensichtlich, dass Ihr letzter Bürgerschaftsbeschluss vom 5. Juli sich terminlich nicht realisieren lassen würde. Im IV. Quartal (das am 1. Oktober beginnt) waren sowohl von der Verwaltung als auch von der Interims-Geschäftsleitung der Bürgerschaft „Entscheidungsvorbereitungen“ und Vorschläge zur „Zukunftssicherung“ des Theaters vorzulegen. „Dass die zukünftigen Strukturen sich bis zum Jahresende festzurren lassen“, davon war keine Rede. Daher kann auch das „Scheitern“ dieses angeblichen Ziels kein Grund für eine Verlängerung sein. Im Gegenteil. In Anbetracht dessen, dass es sich nicht nur um eine simple Aufrechterhaltung eines gut eingespielten Theaterbetriebes handelt, was allenfalls durch eine Interimsleitung hätte sichergestellt werden können, war von den Gesellschaftern zu fordern, sich vorausschauend um eine neue kompetente Geschäftsführung zu kümmern. Das heißt, auch schon ehe der Entschluss „gereift“ war, die alte Geschäftsführung fristlos zu entlassen, hätte ausgeschrieben werden müssen. Spätestens aber doch wohl nach der Entlassung! Dies wurde und wird bis zum heutigen Tag versäumt und auf die lange Bank geschoben.

Und nun gibt der OB bekannt, dass er eine Ausschreibung „für verfrüht“ hält. „Man muss vorher genau wissen, was ausgeschrieben und wie das Theater künftig strukturiert werden soll.“ Ja, er hält das Theater, so der OZ-Bericht, mit der Interimslösung für gut aufgestellt. Das kann nur dem plausibel erscheinen, der die reale Lage des Theaters vernachlässigt. Ein Theater ist doch kein Gemüseladen, wo zwischen Salat aus der Region oder aus Holland zu entscheiden ist. Gerade aber wenn es um eine sinnvolle Struktur des Theaters geht, um eine künstlerische G e s a m t k o n z e p t i o n, die wiederum aufs Engste mit einer entsprechenden Personalkonzeption verbunden sein muss, wenn es um Finanzierungsfragen geht, die wiederum positiv beeinflusst werden können durch glaubwürdiges, engagiertes Werben für eben ein solches Gesamtkonzept, dann ist professionelle Kompetenz unverzichtbar: künstlerische Kompetenz und verwaltungstechnische, die um die besonderen Probleme eines Kunstbetriebes weiß. Gerade in Situationen von vermeintlich dringenden Umstrukturierungen werden oft nur aus Naivität Fehler gemacht, die zu irreversiblen finanziellen und ideellen Schäden führen.

Es scheint mir daher blauäugig, anzunehmen, zwei fachfremde Rechtsanwälte aus dem Aufsichtsrat könnten den anstehenden Aufgaben gerecht werden. Das ist auch bei bestem Willen gar nicht zu leisten. Wer den Theaterbetrieb kennt, sollte das wissen!

Da kommt auch keine große Hoffnung auf, wenn Westphal, der von Stralsund gestellte Geschäftsführer, die „begonnene Arbeit auch zu Ende führen“ möchte, und Greifswalds RA Steffens noch keine Aussage über „s e i n e Zukunft“ treffen möchte. Es geht um die Zukunft des Theaters.

Ähnlich verhält es sich mit Königs Aussage: „W i r schauen erst einmal, ob w i r unser Theater aus eigenen Kräften stabilisieren können, erst dann ziehen w i r Kooperationen in Betracht“. Das betrifft nun auch Sie, die Mitglieder der Bürgerschaft: Welche überzeugenden Pläne und Argumente haben die Interimsgeschäftsführer und das Theater auf den Tisch gelegt, die den OB zu Recht veranlassen könnten, Ihren von der Verwaltung eingebrachten Bürgerschaftsbeschluss quasi als erledigt zu betrachten? Oder ist es die Flucht nach vorn, weil nichts Konkretes vorliegt?

Es wäre toll, wenn sich die Drohungen aus Schwerin in Luft auflösten, die Stadt ihre Mittel für eine anständige Bezahlung aller ihrer Künstler dynamisierte und das Theater über sich selbst hinauswüchse und hier und anderswo vor vollen Häusern spielte. Aber auch um d i e s nur annähernd realisieren zu können, bedürfte es genau jener oben beschriebenen Kompetenz.

Ein „weiter so“ darf es also nicht geben. Ich bitte deshalb den Aufsichtsrat, seine anstehende Entscheidung in Sachen Verlängerung oder entsprechender Varianten verantwortungsvoll abzuwägen, damit nicht der Verdacht aufkommt, Kompetenz wäre zurzeit unerwünscht oder würde stören, oder Gefälligkeiten zu bedienen hätte Vorrang.

Und an die Mitglieder der Bürgerschaft geht gleichermaßen mein dringender Appell: Nehmen Sie Ihre Verantwortung wahr, mischen Sie sich ein, fragen und prüfen Sie, und ziehen Sie als Bürgerschaft notfalls die Sache an sich.

Jost Aé

Greifswald, den 3. September 2010

Sarrazin und die SPD

3 Sept

Sarrazin ist SPD-Mitglied und will es nach kürzlich eigenem Bekunden bis an sein Lebensende bleiben. Nun muss man für ihn nicht fürchten, dass die Partei sein Ein und Alles ist, und ein Leben nach einem Ausschluss für ihn keinen Sinn mehr hätte, obwohl er zugegebenermaßen auch schon zu Zeiten, als er und die SPD noch mitregieren durften, immer wieder sein Bestes gab, das trotzig erkämpfte Negativimage seiner Partei zu befestigen. In Erinnerung blieben die unsäglichen,  ausgrenzenden Diffamierungen einer „gefühlten“ sozialschmarotzenen Unterschicht, der er selbstgestrickte Pullover gegen zu hohe Heizkosten empfahl. Die Kritik des sozialen Gewissens aus fast allen politischen Lagern bekümmerte ihn wenig, konnte er doch hoffen, dass seine Ausfälle „ganz oben“ wohlwollend geduldet wurden. Nach der drastisch verlorenen Bundestagswahl und dem Marsch in die ungeliebte Opposition drehte sich langsam der Wind. Ob er es nicht merken wollte? Er hatte noch zu viel auf Lager, arbeitete unverdrossen an seinem Buch, und brachte es schließlich mit perfekter Medienpräsenz vor die Öffentlichkeit. Das Erschreckende ist nun nicht, dass da einer ist, der moderne rassistische Thesen vertritt und verbreitet und sich, auch international, in die erste Reihe brandstiftender Demagogen stellt. Es ist das Echo! Allenthalben heißt es: Der Mann hat recht! Er sagt doch nur was alle denken! Und das sagt mehr über unsere Gesellschaft aus, als wir uns wünschen. Das allerdings könnte Sarrazins Verdienst sein. Ein brandgefährliches Verdienst, wo doch jeder, der eine öffentliche Rolle zu spielen in der Lage ist, wissen müsste, dass in Krisenzeiten Blitzableiter für den Volkszorn gesucht werden, und dass es regelmäßig die Schwächsten der Gesellschaft trifft, die Minderheiten, die Randgruppen, die Außenseiter und „schwarzen Schafe“. Und – das Echo verweist auf eine Politik, die zur Mitverursacherin der Weltfinanzkrise wurde, und deren Krisenmanagement zwar die Banken vorerst rettet, aber um den Preis einer weiteren Vertiefung gesellschaftlicher  Spaltungen.

Diesmal hat Sarrazin in die rassistische Trickkiste gegriffen und damit den Bogen überspannt. Die „Causa Sarrazin“ wurde für die politische Klasse zu eklatant. Die Kanzlerin reagierte schnell. Keiner weiß genau, was sie dazu bewog, sich diesmal gegen ein Aussitzen zu entscheiden – waren es ihre seismographischen Fähigkeiten, kluge Beraterinnen, oder war es das Zaudern des amtierenden Oppositionsführers? Jedenfalls – sie  gab den Takt vor, der Bundespräsident gab den entscheidenden Tipp und die Bundesbank zog die unvermeidlichen Konsequenzen.

Und Sarrazins SPD? – Die Parteispitze will nun den Ausschluss. Aus unerfindlichen Gründen will Gabriel aber „keinen kurzen Prozess“, wie z. B. in Diskussionen der Berliner Parteibasis gefordert. Sollen sich erst beschämende Solidaritätskomitees für Sarrazin und für „Meinungsfreiheit“ in der SPD gründen? Soll am nun wirklich falschen Objekt demonstriert werden, wie demokratisch die Partei ist? Meinungsfreiheit muss auch in einer Partei ihre Grenze finden, dort, wo sie zur Verletzung ihrer Grundwerte missbraucht wird. Das sozialdemokratische Talent zum Zaudern zur Unzeit könnte für die Partei zum Fiasko werden. Nach verpassten Gelegenheiten muss Sarrazins Mitgliedschaft nun so schnell wie möglich vom Tisch!