Archiv | 19:46

Zum Tag der Deutschen Einheit (3)

3 Okt
saalfeld - täglich (1963)
 
ein zug fährt nach westen
und nach westen fahren die verwandten
von den leuten die noch winkend
auf dem bahnsteig stehn
 
und dann
die auf dem bahnsteig winkend standen
wenden sich mit tränen in den augen um und gehen
 
 
halle an der saale (1965)
 
wenn nachts das schwarze auto fährt
verstummt der hund
wo wird es halten
es fährt geräuschlos durch das dunkle land
und wo es hält
dort ist die angst
 
 
greifswald ende oktober (1982)
 
des jahres warme tage sind vorbei
es zieht durch fenster und aus rattenlöchern
der schimmelpilz gedeiht weil von den dächern
die mauer ihre feuchtigkeit bezieht
 
des jahres warme tage sind vorbei
wir trinken von dem wein der uns bemessen
und hoffen auf erinn'rung und vergessen
der schönen dinge die für uns geblüht
 
des jahres warme tage sind vorbei
es lieben mädchen uns obschon wir schwanken
und wir - wir sehnen uns uns stoßen an die schranken
der bilder dieser welt die gott behüt

Zum Tag der deutschen Einheit (2)

3 Okt

Fünf Variationen über ein Thema von Bertolt  Brecht

1985

Der Radwechsel

Ich sitze am Straßenrand.
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
Mit Ungeduld?

1.

Ich sitze am Straßenhang

Der Fahrer wechselt das Rad.

Unruhig betrachte ich

Die letzte Zigarette.

Zu Fuß ist keine erreichbar

2.

Ich sitze am Straßenhang.

Der Fahrer wechselt das Rad.

Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.

Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.

Warum sieht mich der Fahrer

Mit Ungeduld?

3.

Ich sitze am Straßenhang.

Müde der Radwechsel

Sehne ich mich

Nach einem Pferd.

4.

Ich liege im Gras.

Ich könnte das Rad wechseln.

Wozu?

Ich fahre im Auftrag.

Es erwartet mich keiner.

5.

Ich wäre gern, wo ich nicht hinfahre.

Ich wäre gern, wo ich nicht herkomme.

Darum betreibe ich

Überall

Mit Geduld

Den Radwechsel.

Zum Tag der deutschen Einheit (1)

3 Okt

Mehr als AGITPROP – gewitzt getarnte Alternative zu Becher

Kinderhymne

Bertolt Brecht

Anmut sparet nicht noch Mühe
Leidenschaft nicht noch Verstand
Daß ein gutes Deutschland blühe
Wie ein anderes gutes Land.

Daß die Völker nicht erbleichen
Wie vor einer Räuberin
Sondern ihre Hände reichen
Uns wie anderen Völkern hin.

Und nicht über und nicht unter
Anderen Völkern wollen wir sein
Von der See bis zu den Alpen
Von der Oder bis zum Rhein.

Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir’s
Und das Liebste mag‘s uns scheinen
So wie anderen Völkern ihrs.