Archiv | März, 2011

Christian Wulff: Die wichtigste kulturelle Frage der Gegenwart – Freude und Leidenschaft für das Theater entwickeln!

28 Mär

Bundespräsident Christian Wulff  hielt zur Eröffnung der 14. Deutschen Landesbühnentage 2011 in Detmold eine bemerkenswerte Rede. Ein leidenschaftliches Plädoyer für das Theater,  für Theaterpädagogik und für Schülertheater!

[…] Theater sind […] häufig aus bürgerschaftlicher, zivilgesellschaftlicher Initiative gegründet worden und werden durch solches Engagement am Leben gehalten. Sie sind oft der Stolz der Städte und ihrer Bürgerschaft, regelmäßig auch derer, die sie selten aufsuchen. Das Theater ist ein Produkt der bürgerlichen Gesellschaft, einer Gesellschaft, die selbstbewusst und eigenständig ihr Schicksal in die Hand nimmt, die das Gemeinwesen begreift als eine Sache, die alle angeht.

Aus dem Zustand der Theater kann demnach häufig abgelesen werden wie es um den Zustand der Gesellschaft steht. Das Theater kann unseren Blick auf die Zustände verbessern, unseren Blick auf Abhängigkeiten und Machtverhältnisse, unseren Blick auf uns selbst und unsere Nächsten, unseren Blick auf unsere Ängste, unsere Hoffnungen und unsere Sehnsucht nach Glück. […]

Die Lust am Theater, die Lust an der Kultur zu wecken, sie lebendig zu halten und vor Augen zu führen, dass in den jungen Gegenwartsstücken genauso wie bei den Klassikern unser gemeinschaftliches und unser individuelles Leben buchstäblich auf dem Spiel steht – dieser Aufgabe stellen sich die Theater und dieser Aufgabe stellen sich auf ihre ganz besondere Weise die Landesbühnen.

Das ist schwerer denn je. Gründe gibt es viele. Vor allem junge Menschen brauchen einen Anstoß, um zu erfahren, welche Möglichkeiten an Welt- und Selbsterfahrung das Theater bieten kann […]

Wie fremd sind vielen Menschen, eben auch jungen Menschen, aber nicht nur jungen Menschen, die Texte der deutschen Klassik, das Theater, die schöne Sprache, die Autoren der Aufklärung, die unsere Kultur, unser Land so sehr geprägt haben!

Was muss man tun, was muss man auf die Beine stellen, um Menschen, und jungen Menschen einen Weg zum Verständnis dieser Kultur zu bahnen. Wie kann man Freude und Lust daran wecken, das Leben und die Welt auf der Bühne dargestellt zu sehen, in alten, aber immer neu interpretierten Stücken, oder in neuen Stücken, die unsere Gegenwart beleuchten, von lebenden Schauspielern gespielt, in Echtzeit erlebbar, gemeinsam mit vielen anderen im selben Raum.

Wie sind also die Freude und die Leidenschaft zu vermitteln im genauen Gegenteil zum einsamen Konsumieren von You-Tube-Schnipseln am Rechner, wenn denen auch große Kreativität zugesprochen werden muss und ich keinen Gegensatz konstruieren möchte. Ich glaube, dass das die wichtigste kulturelle Frage der Gegenwart ist: Freude und Leidenschaft für das Theater zu entwickeln.

Unser Erbe, auf das wir mit Recht stolz sind, bleibt nur lebendig, wenn wir lebendig damit umgehen, wenn die nächsten Generationen einen Zugang finden. Wenn deutlich wird, dass das Theater mit dem Leben zu tun hat, dass es unterhaltsam, humorvoll und herausfordernd ist. Dass es gut tut, sich gemeinsam mit einem Stück zu beschäftigen. Dass es spannend ist, lebendigen Schauspielern Auge in Auge gegenüber zu sitzen, ihren Atem, ihren Sprechrhythmus, ihre Emotionen unmittelbar wahrzunehmen. Wenn deutlich wird, dass im Theater ebenso ernste wie heitere „Vorschläge“ gemacht werden, wie Brecht gesagt hat, Vorschläge auch für neue Wege in unserem gemeinschaftlichen und individuellen Leben. […]

Alles hängt, wie immer in der Kulturvermittlung und in der Pädagogik, vor allem von den Persönlichkeiten und vom persönlichen Engagement ab. Vom Engagement der Intendanten, Regisseure und Schauspieler ebenso wie vom Engagement der Lehrerinnen und Lehrer und auch der Eltern. […]

Der vollständige Redetext !

Intervention in Libyen: „kurzsichtig und fahrlässig“!

26 Mär

„Die Militärintervention gegen Gaddafi ist illegitim

[…] Die Entscheidung der Bundesregierung, der Resolution nicht zuzustimmen, war richtig. Die empörte Kritik daran ist so kurzsichtig und fahrlässig wie die Entscheidung des Sicherheitsrats und die Art der Intervention selbst: kurzsichtig im Ausblenden wesentlicher Voraussetzungen der Situation in Libyen, fahrlässig im Hinblick auf die Folgen dieses Kriegs für die Normenordnung der Welt.“ […]

Das las ich in der F.A.Z. und möchte auch das Weitere den nicht F.A.Z. lesenden Blog-Besuchern nicht vorenthalten. Hätten die weit über vierhundert mit Sicherheit F.A.Z. beziehenden Mitglieder des  Bundestages, darunter etliche Juristen, dem AWACS-Beschluss noch zustimmen dürfen, mit dem sich Deutschland nun indirekt am Kriegseinsatz in Libyen beteiligt, wenn sie diesen Artikel gelesen hätten?

Oder anders: Sind kriegsbereiter Machtwille, der Wunsch, wieder dazu zu gehören und kollektiver Zwang stärker als Frieden stiftende Vernunft?

[…] „Ganz gewiss: Gaddafi ist ein Schurke, dessen Entfernung von der Macht ein Segen wäre, nicht nur für Libyen. Aber die Annahme, die ihn bekämpfenden Rebellen seien eine Demokratiebewegung mit homogenen freiheitlichen Zielen, ist lebensblind. Niemand durchschaut das dunkle Gemisch politisch-ideologischer Orientierungen unter den Rebellen derzeit auch nur annähernd. Was man dagegen sehr genau kennt, und nicht erst seit 2003, sind die Schwierigkeiten eines demokratischen State-Building ohne historisches Fundament und nach einem extern erzwungenen Regimewechsel. Sollte man nicht meinen, die führenden Politiker der westlichen Welt hätten inzwischen gelernt, was schon Kant gesehen hat? Die wichtigste Ressource eines solchen State-Building, die prinzipielle Loyalität der großen Mehrheit eines Volkes, dürfte durch den gewaltsamen Eingriff von außen weit nachhaltiger zerstört als durch die Entmachtung eines Despoten gewährleistet werden.“ […]

[…] „Die Intervention der Alliierten, so berechtigt ihr Schutzanliegen ist, steht auf brüchigem normativem Boden. Die politische Ziellosigkeit des Unternehmens ist dabei das geringere Übel. Es geht um weit mehr als die pragmatisch beste Lösung eines einzelnen Konflikts: um die Garantie des Gewaltverbots und seiner vernünftigen Grenzen als Grundprinzip der Weltordnung. Der Krieg wird diese Grenzen weiter ins machtpolitisch Disponible verschieben. So berechtigt seine humanitären Ziele sind: Die Beschädigung der Fundamente des Völkerrechts decken sie nicht.“

Hier den ganzen F.A:Z.-Artikel von Reinhard Merkel lesen!. Er lehrt Strafrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Hamburg.

Libyen – Kanonenbootpolitik im 21. Jahrhundert und eine Debatte im Bundestag

24 Mär

„Ein wenig Kanonenbootpolitik ist manchmal angebracht, aber leider hat im Moment keiner unserer Politiker auch nur ein wenig Format.“ (eine Stimme aus dem Volk)

„Ich bin glücklich , dass wir nicht mitmachen, ich bewundere Angela Merkel, dass sie uns aus diesem Abenteuer heraushält.“ (Martin Walser)

Bomben auf Libyen, und die Börsen jubeln! Warum? Bis gestern hatte der Westen noch prächtige Geschäfte mit Gaddafi gemacht und so manchen Eiertanz um das skurrile „Goldene Erdöl-Kalb“ vollführt. Hatten dabei Demokratie und Menschenrechte je eine Rolle gespielt? – Eher doch das Gegenteil: Mangel und Defizite in diesen Fragen schienen, wie überall, der beste Garant für beiderseitige Vorteilnahme zu Lasten der unterdrückten Landeskinder zu sein.

Es gab allerdings schon immer Zweifel an der Zuverlässigkeit dieses ominös-skurrilen Diktators und so auch immer wieder Hoffnungen, ihn irgendwann durch einen weniger eigenwilligen ersetzen zu können.

Jetzt, im Zuge des anbrechenden arabischen Frühlings, schien die Gelegenheit gekommen zu sein, sich Gaddafis zu entledigen. Allerdings, in Libyen ist die Lage  unübersichtlicher als dort, wo die Despoten „freiwillig“ das Feld räumten. Gaddafi, der dem Westen gegenüber sich nichts hatte zuschulden kommen lassen, begann sofort, ja auch im Gefühl der Pflichterfüllung seinen Partnern gegenüber, die Aufständischen konsequent zu bekämpfen. Brutal, und nicht ohne Erfolg, wie man widersprüchlichen Informationen entnehmen kann.

Vor allem die französischen, englischen und us-amerikanischen Hardliner haben sich nun aber einmal darauf versteift, die „Gunst der Stunde“ für einen Regimewechsel in Libyen zu nutzen – nicht ungern, hatte sich der Westen doch auch zu lange den Vorwurf gefallen lassen müssen, bisher nur zögerlich die Volksbewegungen in der arabischen Welt unterstützt zu haben. Zudem: Volksbewegungen man weiß nie, was dabei herauskommt, und da ist es machtpolitisch und wirtschaftsstrategisch schon sicherer, man ist selbst vor Ort!

Leider haben sie nichts gelernt. Weder aus der Geschichte noch aus der unbefriedeten Gegenwart im Nahen und Mittleren Osten. Sie manövrieren sich erneut in ein Desaster,  und ruinieren weiter ihren Ruf. Die USA, die im Moment  nicht die allerdümmste Regierung hat, erwägt bereits ein militärisches Zurückrudern, da abzusehen ist, dass das politische Ausschalten Gaddafis, das von der UNO-Resolution nicht gedeckt ist, weder in wenigen Tagen noch ohne Bodentruppen gelingen wird. Sarkozy nutzt indessen geschickt die Chance, in die Führungslücke zu springen, die ihm Obama und die darüber zerstrittene NATO anbieten. Aber, wie R. L. einst so schön bemerkte, „Die Schlausten sind auch hier, wie in allen großen Dingen, die Klügsten nicht.“

Auch im deutschen Bundestag gibt es eine Menge dieser Spezies. Als die Bundeskanzlerin erfreulicherweise und ausgesprochen klug ihre Freunde und Gegner verblüffte, indem sie ihren Außenminister die militärische Nichtbeteiligung bei der Libyen-Mission und die Stimmenthaltung Deutschlands im UNO-Sicherheitsrat verkünden ließ, hatten die Falken auf den Oppositionsbänken nichts Eiligeres zu tun, die von Merkel hinterlassene Lücke deutscher Kriegswilligkeit wieder zu schließen. Ob sich dies am Ende für die so zynisch Opponierenden auszahlt, wird sich noch zeigen.

Dem außenpolitischen Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Rolf Mützenich, misslang allerdings, sich dergestalt staatstragend  zu geben. Seine argumentative Unbestimmtheit, ließ zu vielen Vermutungen Raum, so dass man am Ende seiner Rede – sollte man sagen, zum Glück für die SPD? –nicht wusste, woran man bei ihm war.

Künast dagegen forderte ohne Umschweife: endlich „… Verantwortung mal anzunehmen!“. So wie einst Joschka  Fischer, als es gegen Miloševič ging?

Was die Opposition als Alternative zur Regierung im Bundestag am 18.März da anbot, war jedenfalls für den, der eine Abwahl von Schwarz-Gelb mit friedenspolitischen Hoffnungen verbindet, mehr als frustrierend.

Die einzige Ausnahme machte Jan van Aken von den „nicht regierungsfähigen“ Linken. Er brachte auf den Punkt, was die Regierung zu tun hätte, wäre es ihr Ernst mit ihrer Ablehnung dieses militärischen Abenteuers.

Merkels Restrisiko „im Lichte der neuesten Erkenntnisse“

21 Mär

Jeder kann wissen, dass prinzipiell ein Ereignis auch dann jederzeit eintreten kann, wenn ihm eine extrem niedrige Wahrscheinlichkeit bescheinigt wird, da die Häufigkeit eines Ereignisses nichts über den Zeitpunkt seines Eintreffens aussagt.

Daher ist es entweder naiv oder unredlich, von „neuen Erkenntnissen“ zu sprechen, wenn ein als Restrisiko bezeichneter Störfall eintritt, den man, aus welchen Gründen auch immer, nicht einkalkuliert hat.

Deutsche Politiker machen dessen ungeachtet in den letzten Tagen im Zusammenhang mit den Ereignissen in Japan häufig Gebrauch von dieser Floskel, um sich selbst und dem Volk  ihre energiepolitische Kehrtwende zu „erklären“.

In Japan sind die schlimmsten Folgen des laxen Umgangs mit dem Restrisikobegriff, der die Gefahren verschleiert, eingetreten. Auch dort mussten Atomwirtschaft und Politik wissen, dass das von ihnen in Kauf genommene Restrisiko jederzeit (!) reale Gestalt annehmen konnte. Seriöse Wissenschaftler haben es gewusst. Sie haben auch gewusst, was GAU und SUPERGAU für Millionen Menschen bedeuten können: Krankheit, mehr oder weniger langsamen Tod und unendliches Leid.

Wenn sich für Angela Merkel daraus subjektiv wirklich „neue Erkenntnisse“ ergeben haben, dann muss die Politikerin das Wissen der Physikerin erfolgreich verdrängt haben; was allerdings fatal wäre. Andernfalls muss sie inkonsequent gehandelt und gewusst haben, was sie tat. Dieser Vorwurf trifft im übrigen die ganze Atomlobby-hörige politische Kaste – quer durch die „regierungsfähigen“ Parteien!

Nun aber plädieren die „im Lichte ihrer neuesten Erkenntisse“ klug Gewordenen für die verschiedensten Ausstiegsszenarien und überbieten sich gegenseitig. Unterdessen veranlasst die Kanzlerin juristisch fragwürdig risikomindernde Abschaltungen, die für sich genommen vernünftig sind, die aber, den Zeitpunkt betreffend, Fragen nach ihrer Motivation aufkommen lassen.

Die Kanzlerin ist machtpolitisch viel zu begabt, als dass ihr nicht noch ein ganz anderes Licht über ein für sie aktuell weit gefährlicheres Restrisiko aufgegangen wäre: über das Restrisiko für die Restlaufzeit ihrer Regierung – das Volk!

Das hatte auch die Wirtschaft verstanden und deren Bereitschaft gefördert, sich mit Merkel an einen Tisch zu setzen, um den Abschaltungsdeal auszuhandeln. Dieser schien geboten, ist es doch gefährlich, in Wahlkampfzeiten die Volksseele zu unterschätzen. Angela Merkel hatte keine andere Wahl.

Dem Volk aber bieten sich wieder deutlicher Gelegenheiten, die eigene Verantwortung und Macht zu begreifen und sich nicht länger mit der Rolle eines Restrisikos für die Regierenden zu begnügen.  Gilt es doch zunehmend und weltweit, sich zu empören und zu handeln, wenn die Regierungen erkennbar zum Hauptrisiko für ihr eigenes Volk werden!

 

Gorkis Nachtasyl am Theater Vorpommern – oder die gestohlene Seele

13 Mär

Die andere Kritik (3)

„Das Ergebnis muss die Seele berühren!“ Kevin Haigen

Die Premiere fand in Greifswald vor ausverkauftem Haus statt. Am Ende langanhaltender, wohlverdienter Applaus für die Schauspieler.

Dennoch, ein wenig fassbares Unbehagen war da geblieben, ein Rest, der nicht aufging. Hatte das, was ich gesehen hatte, noch etwas mit jenem Stück zu tun, mit dem Maxim Gorki Triumphe gefeiert, das unter Stanislawski das Moskauer Publikum erobert und mit dem Max Reinhard über fünfhundertmal sein Haus gefüllt hatte? Gewiss nicht! Ein Blick in die Bühnenfassung, man hatte die von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens gewählt, half mir, mich den Ursachen meiner zwiespältigen Gefühlslage begrifflich zu nähern.

Die Fassung ist offensichtlich der Absicht geschuldet, Gorki für uns heute spielbar zu machen.

Sollten wir, das Publikum, denn nicht mehr in der Lage sein, Botschaften aus den Tiefen der „Nachtasyle“ jener Zeit empathisch wahrzunehmen?Gibt es doch, spätestens auf den zweiten Blick, beklemmende Parallelen wie die Etablierung eines neuen sozialen Elends und neuer Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit. Ein neues Prekariat unverschuldet  überflüssiger Menschen muss sich wieder in „Asylen“ einrichten, um zu überleben!

Gosch und Wiens verhalten sich zu dieser Frage skeptisch. Sie haben für ihre Bearbeitung ästhetische Schlussfolgerungen mit gravierenden Folgen für den Gorki’schen Text gezogen: Mit dem Ausmerzen des angeblich nicht mehr zu vermittelnden „sozialromantischen“ Zeitkolorits, wurden die Dialoge zugleich auch ihrer Seele — ihrer „russischen Seele“ beraubt.

Philosophische Dispute über Gott und Welt, über Wahrheit, Würde, und Werte, über Arbeit und Ausbeutung, über Hoffnungen und Träume, über Sehnsüchte und Liebe – all das, was Gorki zur Charakterisierung des handelnden Personals beibrachte, wurde gekürzt oder ganz gestrichen.

Was an Dialogen übrigblieb, lässt keinen Raum mehr für dialektische Momente lebendigen Lebens, für Ironie, Hintersinn und Andeutungen, für Vermutungen und ungeklärte Fragen. Aber genau davon zehren auch auf der Bühne Echtheit und Vielfalt menschlicher Beziehungen. Wo all dies abhandenkommt, werden auch Verhängnis und Tragik geopfert, ohne die es kein Mitgefühl geben kann, weder im Publikum noch auf der Bühne!

Worauf will die Inszenierung hinaus, wenn „den Armen noch ihr letzter Besitz: die Sprache“, geraubt wird, wie Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier anlässlich Goschs Hamburger Nachtasyl-Inszenierung feststellt?

Aber damit nicht genug. Gosch und Wiens entfernen die sie konzeptionell störenden zeitlichen und räumlichen Orientierungspunkte und überlassen ihre Protagonisten einem von strukturierender Zeit unberührten Nirgendwo .

Alexej Parylas Bühnenausstattung ist in Anbetracht der Textvorlage nur konsequent. Er beseitigt alles, was im Räumlichen ein „Asyl“ auch nur erahnen lassen könnte, und verkehrt mit Hilfe einer gitterartigen Bodenschräge, zu der empor klimmen muss, wer unten ankommen soll, den letztmöglichen sinnlichen Bezug zu einem handlungsrelevanten „Unten und Oben“. Die von Katja Paryla auf die Bühne gestellten Figuren können so nur noch deplaciert wirken — und das überall.

Die Inszenierung muss ständig mit den unlösbaren Widersprüchen ihrer Konzeption kämpfen: Sie will einen allgemeinen, mithin abstrakten und symbolisch verkürzten Begriff des Unbehausten auf die Bühne bringen, der mit menschlicher Existenz wesentlich unvereinbar ist. Und dann will sie genau dort Menschen leben und sterben und die Geschichte ihres Elends erzählen lassen. Das kann unter diesen Umständen nicht überzeugend geleistet werden. Der Inszenierung gelingt nicht, zu ersetzen, was sie Gorki geraubt hat. Die Sprache, die zu sprechen sie verordnet hat, ist falsch und kann keine glaubhaften Beziehungen stiften. Alles bleibt dergestalt von einer widerständigen emotionalen Kälte durchdrungen – bis zum erlösenden Schlussapplaus.

Fazit: Es scheint sich einmal mehr zu bestätigen, dass zeitgemäße Authentizität nicht durch derart gewollte Verstümmelung vermeintlich „veralteter“ Texte zu gewinnen ist.

Auch heutiges Elend hat seine Sprache, die uns berühren, erschüttern und zu Anteilnahme und Solidarität herausfordern kann. Diese Sprache zu finden und auf die Bühne zu bringen, war augenscheinlich nicht das Anliegen dieser Inszenierung.